60 Tage Jerewan


Armenien und seine Bewohner in Reportagen, Berichten und Bildern. Weblog einer Journalistin.

    





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Der Blick zurück tut weh (24.10.2003)


vergrößern"Frueher, da war die Heizung im Winter immer warm, und es gab jederzeit fliessendes heisses und kaltes Wasser", erzaehlt Aida an meinem ersten Morgen in Jerewan. Fast immer kommt man im Gespräch mit Armeniern irgendwann auf die gute alte Zeit, an die die Erinnerung noch frisch ist: Bis Anfang der 90er Jahre war Armenien hoch industrialisiert mit Chemie- und Elektronikprodukten, die in der Sowjetunion als fuehrend galten. Doch als die UDSSR zusammenbrach, war es damit vorbei.

"Moskau hatte ein kompliziertes wirtschaftliches Abhaengigkeitssystem der nominell freien Republiken geschaffen, das ein Nachschub- und Absatzvakuum hinterliess", schreibt Hilmar Schulz in einem Artikel, der im Januar 2000 in der "Zeit" erschien.

"Wir hatten hier in Armenien zum Beispiel eine Fabrik, die grosse Teile der Sowjetunion mit Kaese beliefert hat", berichtet mein Kollege Artavazd. "Fuer jedes Kilo Kaese mussten vier bis fuenf Kilo Milch angeliefert werden. Heute gibt es keine Moeglichkeit mehr, so viel Milch zu bekommen - aber auch keine Absatzmaerkte mehr fuer so viel Kaese."

Noch schlimmer setzte dem Land die Energie- und Warenblockade der muslimischen Nachbarlaender Aserbajdschan und Tuerkei zu. Grund fuer die Blockade war der Konflikt um die Grenzregion Berg-Karabach, die zwar zu Aserbajdschan gehoert, deren Bevoelkerung aber armenisch ist. Er begann Ende der 80er Jahre, 1994 schlossen beide Staaten einen Waffenstillstand.

Im Jahr 2002 lebten nach einem Bericht von Alexey Sekarev vom Armenian-European Policy and Legal Advice Centre in Jerewan die Menschen in 50% der armenischen Haushalte unterhalb der Armutsgrenze. Wer es sich leisten kann, wandert nach Russland, Amerika oder Westeuropa aus.

Die daheimgebliebenen Verwandten freuen sich ueber Geld aus dem Ausland, das in Armenien als wichtige Einkommensquelle gilt. Und sie leiden unter der Trennung auf unbestimmte Zeit. Auslandsreisen sind fast unbezahlbar. Aidas aeltere Tochter studiert seit sechs Jahren in den USA. Als sie ihren Bachelor-Abschluss feierte, kratzte die Mutter, eine Aerztin, das Geld fuer einen Besuch in den Staaten zusammen. Doch die juengere Tochter hat ihre Schwester seit ueber einem halben Jahrzehnt nicht mehr gesehen.

"Ich habe Verwandte in Bonn, konnte sie aber noch nie besuchen", bedauert Susanna, die als Designerin bei Lycos arbeitet. "Frueher, da bin ich sogar nach Tschechien und Ostdeutschland gereist." Im naechsten Sommer will sie trotzdem einen Intensivkurs in Englisch belegen.

"Armenier sind grundsaetzlich optimistisch - was auch sonst?", meint Aida. Und schliesslich habe sich in der letzten Zeit wirklich viel getan, meint Hrant. Das koenne man zum Beispiel an den vielen Baukraenen und Presslufthaemmern in Jerewan sehen. An jeder Ecke entstehen neue Cafes und Kneipen. "Alle wollen ausgehen. Vor ein, zwei Jahren ist noch niemand auf diese Idee gekommen."

-> www.deutsch-armenische-gesellschaft.de -> http://www.deutsch-armenische-gesellschaft.de/dag/adknnt1.htm

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