Home _Leben Nach der Landung (13.10.2003)
"Achten Sie darauf, die Wassertanks immer nachzufuellen", warnt mich Aida, meine Vermieterin, in Englisch mit leichtem Akzent. "Fliessendes Wasser gibt es hier nur morgens und abend zwischen sieben und zehn".
Ich reibe mir ein wenig irritiert die Augen. Es ist sechs Uhr morgens, vor eineinhalb Stunden bin ich auf dem Flughafen Zwartnotz gelandet. Die Geschichte mit dem Wasser ist meine erste Erfahrung mit den Widerspruechen eines Landes, das noch fast zur Dritten Welt gehoert - aber nur fast.
Aida deutet auf den Telefontisch im Flur. Obendrauf ein silberglaenzendes schnurloses Telefon mit rotem Laempchen. Unter dem Tischchen ein aelteres Modell. "Das koennen Sie benutzen, wenn mal der Strom ausfaellt."
Ich falle in mein breites Bett mit weichen Matratzen. Nach mitteleuropaeischer Zeit ist es drei Uhr morgens.
Am naechsten Morgen faellt mein erster Blick auf den sonnenbeschienenen, schneebedeckten Gipfel des Ararat.
Zu Fuss geht es los. Wohnhaeuser mit abbroeckelndem Putz. Davor leere Plastikflaschen, Pappstuecke, Essensreste.
Dann geht es rechts ab in die Hauptstrasse Alex Manookian. Die riesigen Gebaeude der Jerewaner Universitaet glaenzen in der Sonne. Studenten in Hemd und Krawatte, Studentinnen in Nylonstrumpfhosen und kurzen Roecken.
In einem der sauber geputzten Bauwerke, Aufschrift "American University of Jerwan", ist mein Buero fuer die naechsten acht Wochen. Die Kollegen von Lycos sprechen fliessend Englisch und zeigen mir meinen Arbeitsplatz. Ich schreibe die ersten E-Mails nach Hause. Am Nachmittag ist mein eigener Rechner aufgebaut und laeuft.
Die Raeume sind so stark klimatisiert, dass ich nach der Hitze draussen erst einmal zusammengezuckt bin. Die Toilettenspuelung startet automatisch.
Doch als ich, den Wasserkocher in der Hand, in der Firmenkueche nach dem Waschbecken suche, deutet einer der Kollegen auf den Wasserspender: Die Wasserversorgung, die je nach Stadtteil in Jerewan unterschiedlich regelmaessig funktioniert, hat man auch in der Alex Manookian noch nicht im Griff.

In 2. Stock dieses Gebäudes sind die Büros von Lycos Armenien untergebracht. Die goldenen Schriftzeichen über dem Eingang informieren darüber, dass auch die "American University of Armenia" hier eine Niederlassung hat.