Home _Leben (17.10.2020)
Alltag, Kultur, Menschen.
Die Einwohner sind gastfreundlich, heisst es. Aber reicht das, um ein Land wie Armenien zu beschreiben? Die Frage, was den Charakter eines Landes und seiner Bevölkerung ausmacht, kann wohl niemand abschließend beantworten. Am besten hilft eigene Erfahrung.

Offizielle Fotos zeigen den Platz der Republik im Stadtzentrum als touristisches Schmuckstück. Doch wer sich ein Stück von den frisch renovierten Fassaden entfernt, gewinnt ganz andere Eindrücke.

Schnee ist in Jerewan aehnlich sensationell wie im deutschen Flachland. "Es gibt Winter, in denen keine einzige Flocke faellt", erzaehlen die Kollegen. Damit es weisse Weihnachten gibt, muss es noch eine Weile so kalt bleiben wie jetzt: Die armenische Kirche feiert Christi Geburt nach dem Julianischen Kalender - und das ist erst am 6. Januar.

Ein besonderer Tag für die Fans klassischer Musik. In Anzuegen, langen Kleidern, Jeans und Wildlederjacken drängen sie sich vor dem Eingang des Jerewaner Konzerthauses. Es sind längst nicht nur Ältere, die die Preisträger des Klavierwettbewerbs zum 100. Geburtstags des armenischen Komponisten Aram Khachaturian hören wollen.

Bei arminco.am kann man einen Blick auf ein Stueckchen von Jerewan werfen. Im Hintergrund ist der heilige Berg Ararat zu erahnen - wenn es nicht, wie oft, zu dunstig ist. Die Webcam steht in direkter Nachbarschaft des Lycos-Bürogebäudes, wo ich gearbeitet habe. Das Bild zeigt unter anderem eine neu erbaute Kirche mit Namen St. Grigor Lusavorich.

Man nehme eine riesengroße Torte, armenischen Rotwein, stapelweise herzhafte Pfannkuchen, gefüllt mit Fleisch und Gewürzen - und fertig ist die fröhliche Geburtstagsfeier mit den Kollegen in der Mittagspause.

Ich ziehe am Türgriff des alten Lada - und die Tür wird entriegelt, ohne dass irgend jemand den Knopf angefasst hätte. Hrant, der Besitzer des klapprigen blassblauen Vehikels, grinst: "Fernbedienung." Als er mein verwirrtes Gesicht sieht, fuegt er hinzu: "Ich bastle gerne."

Mit knurrendem Magen, aber ratlos stehe ich im Tante Emma-Laden neben dem Buerogebäude. Ich schaue auf dicht gepackte Reihen mit Konservendosen, Brot, Obst, Teigwaren, Gewürzen - und davor eine Theke und eine Verkäuferin, die kein Englisch versteht.
"Achten Sie darauf, die Wassertanks immer nachzufuellen", warnt mich Aida, meine Vermieterin, in Englisch mit leichtem Akzent. "Fliessendes Wasser gibt es hier nur morgens und abend zwischen sieben und zehn".

"Im Prinzip ja...", und am Ende ein "nicht", "nein", "nur" oder "doch" - die Grundstruktur ist immer die gleiche. In den Radio Eriwan-Witzen steckt mehr als nur Unterhaltungswert: Die mehrdeutige Konstruktion machte es einst möglich, in der armenischen Hauptstadt heimliche Kritik am Sozialismus zu üben.