"Would you like a...?", fragt ein Kollege und deutet auf einen Teller mit Heisswuerstchen. "Sausage, in English", helfe ich, "and in Armenian?". Der Programmierer diskutiert kurz mit einem Kollegen. "Es gibt ein armenisches Wort", sagt er dann auf Englisch. "Aber uns faellt nur das russische ein."Alle Armenier, die noch zu Sowjetzeiten zur Schule gegangen sind, sind an zweisprachigen Unterricht gewoehnt, heisst es in der Library of Congress Country Studies. Deswegen kommunizieren sie nicht nur mit den Einwohnern anderer ehemaliger Ostblockstaaten in Russisch, sondern manchmal auch untereinander.
Als die Sowjetunion zusammenbrach, sprach jeder zweite Armenier diese Sprache fliessend. Selbst auf dem Land kannte fast jeder die Grundbegriffe. Beim Auswaertigen Amt heisst es heute "Landessprache: Armenisch (eigenständige indoeuropäische Sprache mit eigenen Schriftzeichen) als Amtsprache, Russisch existiert als 'Zwischennationalitäten-Sprache' fort".
In Kino und Fernsehen dominiert weiterhin die Sprache des ehemaligen maechtigen Bruderstaates. Fuer weltweit 7,5 Millionen potenzielle Zuschauer, die armenisch sprechen, lohnt es sich nicht, Filme zu synchronisieren. "Fuer Studenten gibt es nur wenig Fachliteratur in Armenisch - aber eine russische Uebersetzung zu fast jedem englischen Werk", erzaehlt ein Softwareentwickler.
In seinem E-Mail-Postfach mischen sich englischsprachige E-Mails deutscher Kollegen, Newsletter in kyrillischen Schriftzeichen und Nachrichten von Freunden auf Armenisch.
Von Kindheit an treffen Armenier bei Plakatwaenden, Hinweisschildern oder Verpackungen auf drei Sprachen und Zeichensaetze. Denn mit dem steigenden Einfluss des Westens ist das Englische hinzugekommen, am staerksten in der Werbung und der Musik.
Dem Sprachgemisch ist nicht zu entkommen. Umso groesser ist der Widerstand bei vielen, die in Armenien das Sagen haben. "Sie wollen die armenische Sprache rein halten. Die fremdsprachlichen Woerter, die sich im Laufe der Zeit eingeschlichen haben, wuerden sie am liebsten abschaffen", erzaehlt der Kollege.
"Merci", sage ich ohne nachzudenken, als ich eines der Wuerstchen nehme und in ein Stueck Lawasch-Brot einwickle - der uebliche Ausdruck fuer "Danke". "Auch das ist eigentlich schon fast ein armenisches Wort, wenn auch mit franzoesischem Ursprung", schmunzelt der Kollege. "Aber kein Sprachwissenschaftler wuerde je vorschlagen, es in unsere Woerterbuecher aufzunehmen. Er wuerde seine Karriere ruinieren."
-> lcweb2.loc.gov -> http://lcweb2.loc.gov/frd/cs/amtoc.html
siehe auch: Babylonische Kartenverwirrung -> http://www.flugverein-guetersloh.de/armenien/artikel-46.htm